Freitag, 5. Juni 2009

ein Monat später...

Moikka,

der Mai ist rum, Juni da und ich bin noch eine Woche hier. Am 16. fliege ich zurück nach Deutschland. Vielleicht habe ich mal geschrieben, dass die Vorlesungen und alle Veranstaltungen an der Akademie offiziell im Mai aufgehört haben. Nichts desto trotz war Mai für mich der Monat, in dem am meisten los war und ich soviel zu tun hatte, wie noch nie seit ich hier bin. Angefangen damit, dass meine Flötenklasse zum lang geplanten Konzert-Austausch nach Tallinn fuhr. Wir, das waren 5 Schülerinnen, unser Lehrer Matti natürlich und die Pianistin Marja. Ich war ja bereits im Februar in Tallinn, wusste also, was mich erwartet...dachte ich zumindest. Denn Tallinn ist, genau wie Helsinki, im blühenden Frühling nicht wieder zu erkennen. Viel viel Grün, Cafés mit Tischen draußen, Open-Air-Bühnen und ein Mittelalter-Markt machten die Stadt noch viel schöner, als ich sie in Erinnerung hatte. Wir sind Dienstag Mittag hin, mit dem Schnellboot (1,5 Stunden von Helsinki). Dann sind wir direkt in die dortige Musik-Akademie gefahren, haben geübt, gegessen, Zeit totgeschlagen und abends um 19.00 Uhr dann unser Konzert gespielt. Verantwortlich für den Austausch auf Estnischer Seite ist Mihkel Peäske gewesen, Flöten-Prof an der Akademie, Flötist im estnischen Nationalorchester sowie ehemaliger Student aus Karlsruhe. Wie klein die Welt doch ist! Wie waren im Anschluss mit Mihkel und seinen Studenten essen, wurden von ihnen in unsere Jugendherberge gefahren und rührend umsorgt. Am nächsten Tag hatten wir Zeit, auszuschlafen und uns in aller Ruhe die Stadt anzuschauen, bis dann am Abend das Boot zurück nach Helsinki fuhr. Tallinn war wirklich schön. Das Konzert lief gut, trotz Nervosität und die Leute waren so freundlich und aufgeschlossen.

Plakat von unserem "Flöödiklassi"-Konzert in Tallinn (kennt ihr Eva Dietzfelbinder schon :-D?)
beim Bummeln, gemeinsam mit den Mädels aus meiner Flötenklasse
Tallinn mit Frühlingsgrün

Zurück in Helsinki bekam ich Besuch von Meli aus Bonn. Wir waren im Zoo, auf Suomenlinna und hatten schöne 5 Tage zusammen. Außerdem hatte ich nochmals Konzert mit meiner Flötenklasse, dieses Mal im ehemaligen Sommerhaus "Tamminiemi" des Ex-Präsidenten von Finnland, Urho Kekkonen. Es ist entzückend. Hat eine bisschen spießige Atmosphäre, riecht nach alten Möbeln und spannenden Geschichten und vom Fenster aus sieht man aufs Meer. Präsidentengattin sollte man sein..

mit Meli beim Bootfahren

im Zoo

nach dem Konzert in Tamminiemi mit Matti, meinem Lehrer und Marja (4. v. rechts), unserer Pianistin

Weiter ging's mit dem Prüfungs-Vorspiel für Rei. Rei ist aus Japan, spielt himmlisch Cello und hatte im Mai sein Kammermusik-Examen. Dafür musste er mit mehreren Musikern Kammermusik aus verschiedenen Epochen spielen und wurde dabei von einer Jury, bestehend aus drei Professoren der Siba, bewertet. Ich habe mit Rei gemeinsam eine Sonate gespielt und wir haben sie in seinem Examen aufgeführt. Hat gut geklappt, er hat die Note 5 bekommen, was hier die beste Zensur ist und das Feedback der Jury war sehr gut.

mit Rei beim Kammermusik-Examen

Ein weiteres großes Happening im Mai war das Erasmus-Abschieds-Grillen am Strand. Wir beschlossen, bevor alle zurück in ihre Heimatländer fliegen, die Grill-Saison zu eröffnen und gleichzeitig den Strand einzuweihen. Mal abgesehen von den finnischen Würsten, die wirklich furchtbar schmecken, war es toll und schön, alle noch einmal zu sehen.

Dann flogen die ersten ab und es folgten die zweiten und dritten usw. Meine Mitbewohnerin Aneta flog zurück nach Polen, eine Woche später Maria nach Griechenland. Kati kehrte heim nach Ungarn, Cynthia in die Schweiz, Isabell ist wieder in Würzburg. Florian wieder in Wien, Flore in Clermont-Ferront. Hannah ist in England, Claudia in Zürich. Dani in Spanien, Eduardo auch, Jan ist zurück in Freiburg. So viele sind fort. Es ging wirklich rasant.
Ich werde einige von ihnen wieder sehen, darauf freue ich mich schon.
Es ist seltsam, wenn Menschen, die ich für gewöhnlich jeden Tag gesehen habe, nicht mehr da sind. Natürlich war ich nicht mit jedem hier dick befreundet. Nur gehörten sie alle einfach dazu. Ach ja...typisches Erasmus-Phänomen.

Picknick am Strand

mit Cynthia und Kati

Und so sieht's in Vuosaari am Strand aus

Mama kam zu Besuch in der letzten Mai-Woche. Es war herrlich, ich hab' einfach eine tolle Mutter :-) Wir haben viel in Helsinki angeschaut, auch Dinge die ich noch nicht kannte, wie den Zentral-Park (klasse. Rieeeeeesengroß und mitten in der Stadt). Gemeinsam mit ihr erlebte ich den ersten heißen Tag des Jahres, wir konnten, Achtung: im T-SHIRT draußen herumlaufen und haben SONNENBRAND bekommen. Mai, da schaugst...die Schönwetterphase hielt nicht lang an, aber immerhin.
Außerdem hatte ich Konzert gemeinsam mit meinem Streichtrio, bestehend aus Isi, Auroora und Paulina. Wir haben für ihr Kammermusikexamen ein Flötenquartett gespielt, in einer schönen kleinen Kirche mit super Akustik. Hach, es war so toll, ich habe es seit langem wieder richtig genossen, vorzuspielen.

mit Mama im Central-Park

mit meinem Streichtrio und Emiliano, dem zusätzlichen Bratscher, beim Konzert

Der Mai schloss mit den wärmsten Tagen in diesem Jahr und meinem Abschied von Vuosaari. Mein Vertrag bei HOAS endete am 31., also zog ich aus und ins CLAVIS, das Wohnheim für Musikstudenten, ein. Damit verbunden war, dass ich das "final cleaning" zu erledigen hatte. "Final Cleaning" bedeutet, dass Appartement so zu putzen, dass es an neue Mieter übergeben werden kann. Damit ja keine Missverständnisse aufkamen, schickte mir HOAS eine Liste mit Dingen, die ich auf jeden Fall zu säubern hätte, darunter Fenster, Möbel, Backofen, Kühlschrank.

Meine Vormieter hatten diesen Brief entweder nicht bekommen oder komplett missachtet. Ich entschied mich also dafür, so zu putzen, dass man auf den ersten Blick alles für sauber hält (worunter weder die Fenster noch der Backofen fallen). Offensichtlich kontrolliert HOAS die Reinlichkeit der Zimmer nicht, als ich im Januar einzog, fand ich in meinem Schrank Socken und Koffer von meinem Vormieter und im Kühlschrank vergammelte Milch und uraltes Brot.
Jedenfalls stand ich den gesamten Sonntag unter dem Eindruck vom "final cleaning"- armer Christian. Er fuhr mich und mein Gepäck freundlicherweise von Vuosaari nach CLAVIS und musste sich den ganzen Weg meine Tiraden über HOAS anhören. Ihm steht sein final-cleaning noch bevor...

Jetzt wohne ich also im CLAVIS, in Claudias Zimmer, die erst im September wieder kommt. Ich habe ein kleines Zimmer mit eigener Kochnische und Bad und bin in 10 Minuten im P-Gebäude der Siba. Praktisch, denn momentan habe ich jeden Tag Dirigierkurs. Nächsten Donnerstag haben wir alle, die am Kurs teilnehmen, Prüfung im Orchester-Dirigieren und wir befinden uns zurzeit in der heißen Probenphase. Ich dirigiere West Side Story und habe tolle Ohrwürmer. Und bekomme langsam ein Gefühl für den Button, den Dirigierstock, in meiner Hand und die 20 Augenpaare, die mich anschauen, wenn ich auf dem Pult stehe. Anfangs fand ich es furchtbar. Jetzt macht es mir richtig Spaß. Und ich bin froh über die Übung, denn irgendwann muss ich in Freiburg auch Prüfung machen. So lerne ich schon mal, wie es sich anfühlt, ein großes Orchester zu dirigieren.

Wie geht's weiter? Nach dem Dirigierkurs und der Prüfung werde ich auf Soumenlinna bei einem Festival arbeiten. Es heißt "Le Lumiere" und ist ein Musikfestival, bei dem nur alte Musik gespielt wird, auf alten Instrumenten und die Musiker haben alte Kostüme an. Dieses Jahr ist das Motto "Aufklärung" und es wird richtig toll, glaube ich. Marja, die Pianistin, mit der ich viel zusammen gespielt habe, organisiert das Ganze und hat mich gefragt, ob ich dort gerne arbeiten wollen würde.
Ich freu' mich wie ein kleines Kind, denn ich bin für die Kostüme verantwortlich und darf selber auch eins anziehen :-)
Nach Le Lumiere werde ich packen und dann heim fliegen. Noch ganz schön viel los in den letzten Tagen hier.

Ein paar Worte noch zum Wetter. Nachdem der Frühling lange auf sich hat warten lassen, war auf einmal alles grün und blühte und manchmal wärmte die Sonne auch ein bisschen. Dann war hier drei Tage lang Hochsommer, man konnte im Meer baden und am Strand liegen und ich bin barfuss gelaufen. Die letzten 4 Tage lang hat es durchgeregnet und es waren noch ca. 10 Grad. Jetzt fängt es an, zu trocknen, ist aber weiterhin kalt.
Die Finnen sagen, das ist normal...ich weiß ja nicht.
Was toll ist, ist, dass es ganz ganz langsam dunkel wird und nur von 12 bis 3 Uhr nachts bleibt. Ansonsten ist hier total intensives, helles Licht. Bin mal gespannt, ob mir der Sommer in Deutschland so gut tun wird, bestimmt finde ich es zu dunkel ;-)

da war es noch warm...

ich war immerhin mit den Füßen drin; mit Julia und Christian am Strand


Das war warscheinlich mein letzter Eintrag (wobei, vielleicht schreibe ich noch was vom Festival. Und davon, wie es mir mit dem wieder-einleben geht ;-).

Macht's ganz gut, ihr Lieben. Bald bin ich zurück und ich freu' mich darauf, euch alle wieder zu sehen!

Hier noch ein echter, finnischer Sonnenuntergang...


Liebe liebe Grüße,
Eva





Freitag, 1. Mai 2009

Vappu

1. Mai. Vappu. DAS Fest der Feste überhaupt. Ein einmaliges Erlebniss für mich als Finnland-Neuling. Dank Rakkel, meiner Lehrerin für finnische Sprache und Kultur war ich bestens informiert über diesen Tag und wartete mit Spannung darauf. Die Vorbereitungen gingen bereits eine Woche vorher los und ich merkte, dass die Finnen richtig auf diesen Tag hin fieberten.
Um euch einen Einblick in die typpischen Maifeierlichkeiten zu geben und auch, um mir ein wenig zu sortieren, was alles geschehen ist, habe ich im Folgenden Vappu in kurze Erlebnisepisoden zusammengefasst. Viel Spaß beim Lesen und "Hauska Vappua"!


Donnerstag, 30. April, 13.00
gemeinsam mit Julia verlasse ich die Mensa, um einkaufen zu gehen. Beim Rausgehen aus dem R-Gebäude kommen wir nicht umhin, uns beide einen großen Sibelius-Akademie Luftballon in feschen Frühlingsfarben an die Jacke zu binden. Der Eingangsbereich ist voll mit noch mehr Luftballons und Luftschlangen und es stehen Platten mit Faschingskrapfen (munkki) und Krüge mit Sima (selbstgebrauter Faschingslimo - man nehme Zitronensaft, Zucker, Wasser, noch mehr Zucker, Rosinen, mixe es zusammen und stelle es ca. eine Woche an einen kühlen Ort. Schmeckt gut, sehr süß, angegoren und ein bisschen wie Apfelmost) bereit, an denen man sich selbst bedienen kann.
Unser Ziel ist der Alko-Laden. Am Abend sind wir auf eine Cocktailparty eingeladen und uns fehlt noch das passende Mitbringsel. Es sind viele Menschen im Alko, sehr viele. Und wir müssen lange warten. Während vor uns Finnen ihre Einfäufe bezahlen und dafür ungefähr soviel Geld ausgeben, wie eine 8-Köpfige Familie beim Großeinkauf, erhasche ich den typpischen Geruch übermäßigen Alkoholkonsums. Quelle hiervon ist eine 3er Gruppe Finnen, die direkt hinter uns anstehen. Einer möchte gerne meinen Luftballon haben, ich erkläre ihm das das nicht geht, außer er gibt mir seinen Hut - groß und quietschgelb, in Form eines Bierkrugs. Das will er nicht, also behalte ich meinen Ballon. Ein wenig später sprüht mir der Bierkrug-Typ eine Ladung Parfüm vor die Brust.

16.00
Ich komme im T-Gebäude an. Hier ist das Zimmer der Studentenunion "SAY" und hier steigt die Pre-Vappu-Party mit Sima, Munkki, Luftschlangen usw. Die meisten Studenten tragen ihren Uni-Overall (die Overalls werden normalerweise bei Uni-Parties und eben an Vappu getragen und anhand der Farbe kann man erkennen, zu welcher Uni die Studenten gehören. Der Siba-Overall ist weiß). Beim Geschenkefischen erhalte ich einen Schnappglas und frage mich, ob das ein Vorzeichen ist. Es ist eigentlich nicht viel los...

Kati und Isabelle bei der SAY Pre-Vappu-Party

Sonya und Ich beim Warten auf 18.00 Uhr...


17.30
Isabell, Kati, Nadja und ich sind am Hafen. Es ist VIEL los. Soviel, dass wir die anderen unserer Gruppe verloren haben. Ich bin froh, dass ich nicht Maschinenbau studiere, denn der dazugehörige Overall ist schweinchenrosa. Wir versuchen, durch die Menge möglichst nahe an die Manta heranzukommen (Statue in einem Brunnen, eigentlich "Havis Amanda". Ein Mädchen, das soeben splitternackt aus dem Meer gestiegen ist und gedankenverloren noch einen letzten Blick zurückwirft. Laut der Künsterin verkörpert sie Helsinki, die Tochter der Ostsee). Die Finnen mögen Luftballons, sie sind überall und genau in meinem Sichtfeld schwebt ein riesiger in Mumin-Form. Aber wir haben eine super Sicht auf die Statue und die Studenten, die in einem großen Sitzgestell an einem Kran hängen und mit Schrubber die Manta abbürsten.

18.00
"Viis, nel, kolm, kax, yx...HAUSKA VAPPUAAAAAA". Unter großem Beifall bekommt die Manta eine überdimensionale Studentenkappe aufgesetzt und Vappu hat offiziell begonnen. Die Studis in ihrem Sitzgestell schießen bunte Papierschnitzel in die Menge, der Sekt fließt in Strömen und jeder Finne mit High-School-Abschluss setzt sich stolz seine weiße Mütze auf. Der Himmel strahlt in perfektem blau, es ist einigermaßen warm und alle freuen sich ausgelassen. Ich liebe Finnland!

Menschen auf der Esplanadi, kurz vor Vappu-Anpfiff

Studis beim Warten, noch ohne aufgesetzte Kappe.


erst waschen...


...dann krönen...

...und fertig ist die Manta mit Kappe. Hauska Vappua!



Kati, Isabelle und Ich freuen uns mit.

manche schauen sich alles von oben an...

und andere zum warscheinlich 15. Mal.

von links nach rechts: Nadja, Jan, Julia, Claudia, Isabelle, Robert, Jeanine, Christian, Flore

19.00
Wir sind vor dem Dom und es ist einfach unbeschreiblich. Hier sind also die 1 Millionen Bewohner von Helsinki. Und ALLE lachen! Es scheint, als hätten sich während dem langen Winter viele Energien angestaut, die sich nun freudig und mit Hilfe von viel Alkohol entladen. Viele tragen Verkleidungen, vor mir küsst ein Hasenmann eine Hasenfrau und ich weiß von einem Freund im Pinguin-Look.
Schön! Die Leute sind so aufgeschlossen und feiern miteinander, jung und alt. Neben mir steht ein äteres Ehepaar mit vergilbten Mützen auf dem grauen Haar und Sektgläsern in der Hand. Ich finde das toll, dass sich die Generationen mischen und das eine ganze Nation seit Jahrzehnten das gleiche Ritual pflegt (wozu auch gehört, die Mütze, die jeder Finne bei seinem High-School-Abschluss bekommt, nieeeeeeeeeemals zu waschen).
Mit Nadja und Kati bleibe ich schließlich bei einer Gruppe Österreicher hängen, die Vappu ganz großartig finden und extra deshalb angeflogen gekommen sind. Wir stoßen auf die Nachbarschaft an (Cati kommt aus Ungarn, Nadja ist selber Österreicherin) und tauschen Witze aus.


Menschenmassen vor dem Dom.



Mittendrin Kati, Isabelle, Nadja und Ich..


20.30
Wir haben uns losreissen können und suchen dringend einen stillen Ort. Garnicht einfach. Die Stimmung aller ist seit Beginn von Vappu auf dem Höhepunkt und der Alkoholpegel auch.
Schließlich landen wir im MC Donald's am Banhof und stärken uns an Junk-Food. Wir sind nicht die Einzigen mit dieser fabulösen Idee, es sind auch hier viele, viele feierfreudige Menschen.
Mir fällt wieder einmal auf, dass die Finnen einfach viel mehr Geduld beim Anstehen haben, keiner meckert und führt sich auf.

22.00
Wir trudeln bei der Cocktail-Party eines Siba-Studenten ein. Es ist wie nach Hause kommen, alle vermissten und verloren geglaubten Freunde sind hier. Schön! Die große Familie ist wieder zusammen :-D. Die Stimmung ist ausgelassen und die Cocktailkreationen abenteuerlich. Draußen vom Balkon können wir nächtliches Vappu-Treiben beobachten.

2.00
Gemeinsam mit anderen Gästen mache ich mich auf den Weg zum Hauptbahnhof. Ich hätte nicht übel Lust, in der Stadt zu übernachten, da ich mir vorstelle, wie eine Heimfahrt im Nachtbus um diese Uhrzeit an Vappu wohl sein muss. Die Aussicht auf mein eigenes Bett siegt jedoch über die Bequemlichkeit und ich bin bereit, es mit betrunkenen Finnen und einer einstündigen Busfahrt aufzunehmen.
Es sind viele Leute unterwegs, die Nacht ist für Viele noch jung. Unterwegs treffen wir die Österreicher auf ihrem Weg ins Hotel sind. Ja, sie waren noch am Dom und Vappu ist toll!
Ich leihe mein Handy einer weinenden Finnin, der ihre Tasche abhanden gekommen ist, damit sie ihren Freund anrufen kann. Sie erzählt mir, dass sie jetzt 5 km zu ihm nach Hause läuft. Als ich ihr vorschlage, ein Taxi zu nehmen, wischt sie sich die Tränen ab und erklärt mir, dass das schon geht, sie mache das öfter und überhaupt ist Vappu und sie kommt schon heim.
Am Bahnhof stehen zwei Nachtbusse Richtung Vuosaari. Und davor ca. 100 Menschen. Eigentlich, so erklärt mir ein freundlicher Finne im gelben Overall (=Soziologie, Uni Helsinki) währen beide Busse schon voll, aber man müsste nur seine Ellbogen benutzen, dann ginge das schon. Er hilft auch gleich mit, uns einen Weg durch die Massen zu bahnen. Habe ich nicht noch vorhin die Geduld der Finnen beim Anstehen gelobt?
Zum Glück gelingt es mir noch, den Busfahrer zu überzeugen, dass er mich mitnimmt. Die Fahrt geht überraschend schnell, die Passagiere sind relativ ruhig und ich treffe im Bus meine Nachbarn. Wir sind uns einig, dass Vappu toll ist.

3.30
Ich falle in MEIN Bett und bin augenblicklich eingeschlafen, während draußen die Morgenröte aufkommt. Es verspricht ein schöner Tag zu werden...

8.00
...vielleicht auch nicht, zumindest fühle ich mich beim Aufstehen nicht so. Nach einer kalten Dusche geht's besser. Ich habe Hunger, will aber nicht Frühstücken, weil wir uns dazu im Kaivopuisto-Park treffen. Ich bin spät drann und so nicht unglücklich, als ich per SMS gefragt werde, ob wir uns nicht doch eine Stunde später treffen wollen. 9.15 Uhr war auch ein zu hoch gestecktes Ziel.

10.00
Ich treffe Isa, Jeanine und Kati am Bahnhof und wir machen uns auf den Weg zum Park. Die Straßenbahn ist überfüllt, ALLE haben heute nur ein Ziel. Und den meisten geht es glaube ich ähnlich, zumindest erkenne ich viele müde Augenpaare und ich hoffe, ich rieche nicht so wie mein Nebensteher. Wir entscheiden uns dafür, die Straßenbahn früher zu verlassen.

11.00
Wir haben's geschafft. Vor uns liegt der Kaivopuisto und ist nicht wieder zu erkennen. Überall stehen Pavillions der verschiedenen Studentenasten und es sind viele Menschen am Picknicken. Nach kurzer Suche finden wir zum Pavillion der SAY und machen es uns gemütlich. Es gibt Suppe, Brot, Käse, "Meeeeeeeeeatballs", wie Christian unter fröhlichem Rufen entdeckt und dazu wird uns Sekt angeboten, den ich aber dankend ablehne. Cati und Isabelle haben von zuhause Salate und Kekse mitberacht und für den Vitamin C-Haushalt sorgt Orangensaft. Ich schlafe ein bisschen in der Sonne.

12.30
Der Park füllt sich. Immer mehr Menschen kommen. Das ist Tradition, wie uns Sera und Sanna von der SAY erklären. An Vappu macht man eigentlich nichts anderes, wie Picknicken gehen. Und dabei Sekt trinken. Und manchmal noch ein 1.Mai-Konzert besuchen.
Die Finnen sind, was das Picknicken im Park angeht, wirklich professionell und richten sich darauf ein, studenlang dort zu bleiben. Ich staune über Gartengarnituren, die auf Leiterwägen angekarrt werden.
Am SAY-Zelt trudeln immer wieder Siba-Studenten ein und lassen sich in der Sonne nieder.

13.00
Mir wird es zu laut, ich bin müde und merke die kurze Nacht deutlich. Eigentlich finde ich Massenpicknicks toll, aber nicht, wenn es so eng ist, dass der Fuß des Nachbarn in meiner Suppe hängt. Wir entscheiden uns, zu gehen.

Picknick im Kaivopuisto.

Platz vor dem Zelt der SAY.



Isabelle, Kati, Christian, Robert und Ich genießen die Sonne.

14.00
Wir sind im Hesperian-Park. Hier sind viel weniger Leute, es ist ruhiger und in der Sonne lässt es sich herrlich dösen. Und die Reste vom Nudelsalat schmecken herrlich :-)
Es hat auch was, einen ganzen Tag nichts zu machen...

18.30
Die Sonne verschwindet langsam hinter den Häusern. Zeit, zu gehen. Wir sind uns einig, dass wir heute keine Koch-Spiele-Feier-Gelegenheit brauchen, sondern es etwas ruhiger angehen lassen.
In der Metro treffe ich auf drei Finnen und einen Amerikaner. Es sei toll dieses Jahr, weil Vappu an einem Freitag ist und ja noch Samstag und Sonntag zum Trinken, äh Feiern bleiben. Prima!


Weniger Menschen, mehr Sonne...mit Cati und Isa im Hesperian-Puisto.


Ach, es war schon toll. Wer mehr über Vappu lesen möchte, hier ist der Wikipedia-Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Vappu
Ich bin froh', dass ich diesen Tag hier erleben konnte.
Auf bald, ihr Lieben,
Eva

Dienstag, 21. April 2009

Lappland, Ostern, Übealltag, Besuch, Frühling...APRIL



Zack, wieder ein Monat rum. Oh je, das geht so schnell...ich werde Mitte Juni zurückkommen, also habe ich noch ca. 1,5 Monate hier. Gerade jetzt, da es Frühling wird, hätte ich gerne, dass die Zeit ein bisschen langsamer verrint...
Aber mal von vorne. Von 1.-5. April war ich in Lappland, in Kuusamo. Kuusamo liegt ganz knapp vor dem Polarkreis, weßhalb die Zugehörigkeit zu Lappland nicht einwandfrei feststeht (Zitat von einem Finnen: "Lappland...nein, das ist doch nicht Lappland, das ist irgendwas zwischen Finnland und dem Norden"). Angefühlt hat es sich wie Lappland, die Natur sah aus wie Lappland, also für mich war es das. Die Tour dorthin wurde von den Asten der Siba und der Taik (das ist die Hochschule für mediale Kunst in Helsinki) für deren Exchange-Studenten organisiert und wir waren ca. 40 Menschen von überall her. Finnen, Spanier, Mexikaner, Deutsche, Österreicher, Dänen, Franzosen, Poolen, Amerikaner undundund. Es war eine sehr lustige Gruppe und wir hatten viel Spaß und haben wirklich alles gemacht, was typpisch Finnisch-Lappländisch ist. Gewohnt haben wir immer zu sechst in kleinen Hütten. In jedem dieser Mökkis war eine Holzofen-Sauna und ein Kachelofen, es war soooo gemütlich. Ich fasse jetzt kurz zusammen, wie genau es in Kuusamo war, sonst schreibe ich noch ewig und es kommt doch noch so viel. Also: undendlich viel Schnee, Winterwander-Tour durch den verschneiten Wald, Langlaufen im Skigebiet Rukka bei strahlendem Sonnenschein, ein Eisloch in den zugefrorenen See bohren, darin baden nach der Sauna (das ist toll. Wirklich :-)), Würstchen grillen im Wald, Renntierschlitten fahren, Nachts um drei in die Sauna gehen und sich anschliessend im Schnee wälzen, Kochen auf finnisch, französisch und deutsch, 13-Stunden Busfahrt, noch mehr Schnee, Feiern...es war wirklich toll! Hier die Bilder dazu:









Zurück in Helsinki ging's gleich wieder los mit dem Hochschulalltag. Sarah Newbold, Flötistin aus Londons und Lehrerin an der dortigen Gilmore-Academy war nach Helsinki für einen Meisterkurs gekommen. Ich habe auch teilgenommen und es war sehr gut. Sie ist sehr nett und freundlich und hatte viele gute Tipps und Hilfestellungen für mich.
Ich war nach Lappland und dem Meisterkurs ziemlich geplättet und sehr froh über die anstehenden Osterferien von Gründonnerstag bis Mittwoch nach Ostern. Womit wir schon beim zweiten großen Thema dieses Eintrags wären: Ostern in Finnland.
Zusammenfassend lässt sich aus meiner Sicht sagen, dass Ostern hier nicht den größten Stellenwert hat. Das mag daran liegen, dass Finnlands Einwohner zu 80% Lutherisch sind und alle nicht die regelmäßigsten Kirchgänger. Auch ist Ostern für viele Erasmus-Studenten kein Thema und über den geschichtlichen und biblischen Hintergrund wissen nicht viele Bescheid. Für mich war es sehr seltsam, Ostern so nebenbei zu erleben.
Am Karfreitag waren die Geschäfte geschlossen. Ich war Mittags in einer kleinen Andacht von der anglikanischen Kirche und abends beim Kreuzweg. Und habe gelernt, dass Kreuzweg nicht immer gleich Kreuzweg heißt...es gab drei Stationen. Alles war sehr aufwendig in Szene gesetzt, der technische und personelle Aufwand war enorm. Es begann mit einem großen Feuerwerk, lauter Musik und Tanz, Jesus, elanvoll, lebendig und immer top gestylt, wirkte wie frisch aus Fluch der Karibik und irgendwie waren die Lichteffekte spektakulärer als der finische Sprechanteil. Das ganze dauerte 1,5 Stunden. Ich war am Dauergrinsen. Die Finnen schaffen es wirklich, aus allem was ganz Besonderes zu machen.
Ostersonntag habe ich dann im Chor der anglikanischen Kirche mitgesungen und war anschließend bei Freunden zum Lamm essen eingeladen. Und natürlich haben wir Ostereier gesucht. So gab's zumindest ein bisschen Osterstimmung. Abends hat Isabells Mitbewohnerin Cati Ungarisch für uns gekocht.








Und das war's auch mit Ostern. Am Montag war ich Üben, ganz normal :-) und Nachmittags kam Andrea aus Deutschland zu Besuch. Gemeinsam mit ihr war ich im Museum für moderne Kunst, im Kiasma (wirklich gut!!! die Architektur innen ist toll, es kam mir riesig und endlos vor, dabei ist es garnicht so groß. Am besten hat mir die Auststellung "Choosing my Religion" gefallen, in der die Künstlerin Fotos, Malereien und Gegenständer aller sieben Weltreligionen zusammengesammelt hat) und hoch über Helsinkis Dächern auf dem Turm vom Hotel Torni. Donnerstag kamen Christoph und Ramona aus Deutschland angeflogen und wir hatten schöne Tage zusammen.







Nachdem ich erfahren habe, dass in Deutschland subtropische TEmperaturen herrschen und in Freiburg man im T-Shirt Fahrrad fahren kann, kann ich es kaum noch erwarten, dass der Frühling hier eintrifft. Aber das Thermometer zeigt stur jeden Morgen 0° Grad und es weht oft ein ziemlich kalter Wind hier. Ich trage nach wie vor meinen Wintermantel, meine Handschuhe und auch meine Winterstiefel, also ich laufe rum wie im Januar. Gut, die Sonne ist jetzt schon den dritten Tag am Stück zu sehen, vielleicht ist das ja ein Anzeichen. Und die Pflanzen tragen Knospen und das Meer ist nicht mehr zugefroren. Immerhin. Am ehesten merkt man es am Licht. Es ist so hell hier, wenn die Sonne scheint und alles sieht aus, als hätte es 20 Grad und als wäre es warm. Trotzdem wirkt alles noch ein bisschen trist, weil es noch kein frisches Grün hat, keine Blumen und Blätter.
Vorhin war ich draußen am Meer und habe die ersten zaghaften Frühlingsversuche festgehalten.



Nächste Woche endet das Semester hier offiziell, danach sind nur noch Prüfungen. Ich habe letztes Wochenende ein Dirigierseminar angefangen, das bis in den Juni geht und werde dann Prüfung darin machen. Und im Mai habe ich einige Konzerte mit meiner Flötenklasse und den Kammermusikprojekten.
Ich freu' mich auf das, was noch kommt hier!
Viele liebe Grüße und bis bald,
Eva